Lernen am Modell. Oder Imitationslernen

Hintergrund

Die klassischen Lerntheorien der Klassischen und der Operanten Konditionierung sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich. Aber schon bald wird klar, dass komplexere Lernprozesse kamit nur unzureichend erklärt werden können.

Die Theorie des Modell-Lernens ist eine Weiterentwicklung der Klassischen Lerntheorien. Sie besagt, dass vor allem Menschen auch dadurch lernen, dass sie soziale Modelle beobachten und das beobachtete Verhalten - zum Beispiel im Spiel - imitieren und sich so aneignen.

Die Hautpvertreter der Theorie des Modell-Lernens sind Albert Bandura (geb. 1925) und Walter Mischel (geb. 1930). Das Experiment, das sie berühmt gemacht hat, ist das Experiment mit Rocky und Johnny.

 

Experiment mit Rocky und Johnny

 

Aufbau des Experiments:

Kindergartenkinder sehen einen Film, in dem zwei Puppen (Rocky und Johnny) als Modelle fungieren: Sie spielen mit "aggressivem Spielzeug". Johnny hat ein Spielzeug, das Rocky gerne hätte. Rocky attackiert Johnny aggressiv mit einem Stecken, um an das begehrte Spielzeug zu gelangen.

Die beobachtenden Kinder sind in drei Gruppen unterteilt, die jeweils eine andere Schluss-Variante sehen:

  • Gruppe 1 sieht, dass Rocky mit seiner Aggression erfolgreich ist und mit Gewalt erreicht, an das begehrte Spielzeug zu gelangen.
  • Gruppe 2 sieht, dass Rocky für seine Aggressivität getadelt wird und das "eroberte" Spielzeug mit einer Entschuldigung zurückgeben muss.
  • Gruppe 3 sieht eine Version, in der die Konsequenzen offen bleiben.

Im Anschluss an den Film erhalten die Kinder Gelegenheit, mit einem ähnlichen Spielzeug, wie Rocky und Johnny im Film zur Verfügung gehabt haben, zu spielen. Beobachtet wird, ob und inwiefern die Kinder das aggressive Verhalten von Rocky imitieren.

Wie leicht zu erraten ist, zeigt ein Teil der Kindergartenkinder ein ähnlich aggressives Verhalten wie Rocky, um an das begehrte Spielzeug zu gelangen.

Wie ebenfalls leicht zu erraten ist, ahmen vor allem die Kinder in der Gruppe, in der Rocky erfolgreich gewesen ist, das aggressive Verhalten nach. Am wenigsten Nachahmungsbereitschaft findet sich in der Gruppe, in der Rocky das eroberte Spielzeug wieder zurückgeben müssen hat.

 

Scheitern des Black-Box-Modells

 

Aber das ist noch nicht alles. Wenn man die Kinder, die das aggressive Verhalten Rockys zunächst nicht nachmachen, auffordert dieses Verhalten zu imitieren bzw. wenn man ihnen eine Belohnung in Aussicht stellt, zeigen auch sie dasselbe aggressive Verhalten, das Rocky im Film an den Tag gelegt hat. Damit zeigt sich, dass das gelernte Verhalten nicht automatisch mit dem gezeigten Verhalten gleichgesetzt werden darf. Etwas zu lernen, ist die eine Sache. Das Gelernte in der Praxis dann auch zu zeigen oder anzwenden, ist die andere. Kinder können das aggressive Verhalten beobachten und verinnerlichen.

Innerpsychische Faktoren (z. B. erwartete Konsequenzen, Beziehung zum Modell, ...) beeinflussen die Imitationsbereitschaft erheblich. Damit erweist sich die Unhaltbarkeit des klassischen Black-Box-Modells des Behaviorismus.

 

Ob Kinder das erlernte Verhalten in einer konkreten Situation auch zeigen, hängt von vielen situativen Faktoren ab.

 

Ein Fimdokument

Welche Faktoren beeinflussen das Modell-Lernen?

Das Experiment von Bandura und Walters zeigt aber auch, dass Modell-Lernen ein sehr komplexer Vorgang ist. Bei weitem nicht jedes Verhalten wird nachgemacht und bei weitem nicht jedes Modell wird imitiert. Es ist möglich, dass ein gelerntes Verhalten erst zeitlich verzögert und in einem ganz anderen situativen Kontext gezeigt wird.

Ob und in welchem Ausmaß ein Verhalten über Imitationslernen gelernt wird, hängt von vielen Faktoren ab. Ein paar Beispiele sind

  • die Attraktivität, die das Modell für den Beobachter hat: Ist das Modell eine Leader-Figur in einer sozialen Gruppe oder ist es eine Außenseiter-Figur? Attraktive Modelle für jüngere Kinder sind v. a. Eltern, LehrerInnen, ältere Kinder, ältere Geschwister, ...; altere Kinder und Jugendliche suchen ihre Vorbilder in der Peer-Group oder über soziale Gruppen, mit  denen sie sich identifizieren
  • die erwarteten Konsequenzen: Kinder können sehr schnell erkennen, dass ein-und-dasselbe Verhalten bei der Oma andere Konsequenzen nach sich zieht als bei der Mutter oder in der Schule
  • die soziale Beziehung zwischen Beobachter und Modell: Vorbilder in den Medien (oder Computerspiel-Figuren) haben nur dann einen Einfluss auf das tatsächliche Verhalten, wenn akzeptierte oder akzeptable Vorbilder in der realen Welt fehlen
  • die sozialen Struktur, in der das Imitationslernen stattfindet: Je enger die emotionale Beziehung zwischen Modell und Beobachter, desto eher wird das Verhalten auch imitiert. Volksschulkinder imitieren z. B. das Verhalten von LehrerInnen oder Eltern; mit der emotionalen Distanzierung, die mit der Pubertät verbunden ist, hört sich das in vielen Fällen auf.
  • die prinzipielle Nachahmungsbereitschaft des Beobachters

Arbeitsaufgaben


A1:  In welchen Lernfeldern spielt Modell-Lernen eine wichtige Rolle?

 

A2: Was sind typische Kinderspiele und typische Aktivitäten, in denen sich Kinder nach dem Prinzip des Modell-Lernens Fähigkeiten aneignen?

 

A3: Welche Personen sind wichtige Modelle für Kinder? Welche Personen sind wichtige Modelle für Jugendliche?

 

A4: Manche Kinder und Jugendliche orientieren sich an problematischen Modellen. Was sind dafür Beispiele? Warum können problematische Modelle für Kinder und Jugendlliche attraktiv sein?

 

A5: Eine immer wieder diskutierte Frage in der Psychologie ist, inwiefern Gewalt verharmlosende Filme und Videospiele die Gewaltbereitschaft und die Aggressivität von Kindern und Jugendlichen fördern. Was für eine Position werden Lerntheoretiker vertreten? Mit welchen Argumenten? Wie ist deine Position?

 

A6: Gibt es Imitationslernen auch bei Tieren? Suche nach entsprechenden Informationen im Internet. Achte auf die Qualität der Quellen (Wikipedia alleine wäre zu wenig)!

 

Internetlinks