Begriff "Philosophie"

Begriffsbedeutung

Bildquelle: Osborne
Bildquelle: Osborne

Begriffsherkunft:

  • griech: „philein“ = lieben
  • griech: „sophia“ = Weisheit

 

daher wörtlich:

 

 

 

 

Philosophie ist "Liebe zur Weisheit" 

Schön und gut. Doch was heißt das?


Liebe statt "Lehre". Die Frage nach der Methode (WIE)

Philosophie: Suche nach Orientierung
Philosophie: Suche nach Orientierung

Wissenschaften sind "-logien" (von griech.: "logos" = Lehre, Wissen). Sie arbeiten empirisch, das heißt: sie überprüfen ihre Hypothesen und Theorien mithilfe der Erfahrung, beispielsweise durch ein Experiment. "Liebe" in der Philosophie bedeutet ursprünglich eher "Leidenschaftlichkeit", d.h.: Philosophie sollte "mit ganzer Kraft", "mit ganzer Energie" betrieben werden. Das ist aus heutiger Sicht allerdings ein bisschen missverständlich. Denn gerade in der europäischen Philosophie-Tradition dominiert - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die Rationalität, also die Vernunft. 

 

Die Abgrenzung zu den Erfahrungswissenschaften muss also anders gefunden werden. 

 

Am weitesten kommen wir mit folgender Unterscheidung: 

 

Erfahrungswissenschaften (also: alle Wissenschaften abgesehen von Formalwissenschaften wie der Mathematik) stellen die Empirie, also die Sinneserfahrung ins Zentrum. Sie arbeiten mit einer Kombination aus Empirie und Rationalität (=Vernunft, Verstand). Sie beobachten, "was der Fall ist". Dann stellen sie -  mithilfe des Verstandes - allgemeine Hypothesen über Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit auf. Anschließend überprüfen sie in anderen Kontexten, ob ihre Hypothesen mit der Erfahrung übereinstimmen.


Ein klassisches Beispiel für wissenschaftliches Vorgehen in diesem Sinn ist die Entdeckung des Wiener Arztes Semmelweis, dass Kindbettfieber durch Leichengift an den Händen der Ärzte verursacht wird (Hintergrundinfo: Deutsches Ärzteblatt)


Wissenschaft arbeitet also mit empirischen Methoden. Die wichtigste (klassische) empirische Methode ist das Experiment. Daneben gibt es aber noch eine Fülle anderer empirischer Methoden wie z. B. Einzelfall-Studien, Feldstudien oder statistische Verfahren.


Doch es gibt auch Fragen, die für uns wichtig sind, die wir aber allein mit wissenschaftlichen Methoden nicht klären können. Dazu gehören  ethische Fragen (Fragen nach dem Guten oder nach dem richtigen Verhalten in Konfliktsituationen), ontologische Fragen (Fragen nach dem WESEN von etwas), erkenntnistheoretische Fragen (Frage nach dem Weg zur Erkenntnis) und viele andere. Das ist das Metier der Philosophie. 

 

Thesen und Theorien, die die Philosophie entwickelt, sind ähnlich wie die erfahrungswissenschaftlichen Theorien zwar rational begründbar. Sie sind aber nicht (oder noch nicht) empirisch überprüfbar. Das heißt, wir können kein Experiment oder keine Untersuchung machen, um eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu erhalten. 

 

Das heißt, dass die Philosophie sich mit Fragen und Problemen beschäftigt, die sich nicht mit den Methoden der Erfahrungswissenschaften untersuchen und begründen lassen. Denn es gibt viele Fragen, die wir erfahrungswissenschaftlich nicht (oder vielleicht noch nicht) untersuchen können. Viele von diesen Fragen können wir aber kritisch durchdenken und untersuchen. Dabei finden wir oft unhaltbare oder unplausible Antworten, die wir ausscheiden können. Und damit sind wir dann einen Schritt weiter, selbst wenn wir die endgültigen Antworten nicht gefunden haben. 


Rationale Begründbarkeit setzt folgende "Minimalkriterien" voraus:


  • Es gibt keine "Offenbarung", keine unhinterfragbaren Autoritäten, keine absoluten Wahrheiten und keine verbindlichen Glaubenssätze. Dass die Philosophie keine Glaubenssätze voraussetzt und keine Autoritäten oder Dogmen akzeptiert, ist der wesentlichste Unterschied zu Religionen und Glaubenssystemen.  

  • Über philosophische Theorien muss man streiten dürfen. Philosophische Theorien müssen sich auf allen Ebenen der Kritik durch Gegner und Skeptiker stellen. Dass eine philosophische Theorie Gültigkeit beanspruchen könnte, weil sie von einer Autorität stammt, weil die Mehrheit dieser Meinung ist oder weil sie die Mächtigen mit Gewalt verteidigen, ist ein NoGo. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Ideologien und totalitären Denksystemen. 

  • Über philosophische Theorien muss man streiten können. Das geht aber nur, wenn sie zwei Minimalkritierien erfüllen:

    Erstens: Philosophische Aussagen müssen auf der "Ebene von wahr und falsch" sein. 

    Zweitens: Philosophische Theorien müssen eine argumentative Struktur aufweisen und die Gesetze der Logik akzeptieren. Das heißt, sie müssen Grundannahmen so miteinander verbinden, dass sich daraus logisch zwingend neue Schlussfolgerungen ergeben. (Ann.1: Sokrates ist ein Mensch + Ann.2: Sokrates ist sterblich --> zwingende Schlussfolgerung: Sokrates ist sterblich). 

    Damit unterscheiden sich philosophische Theorien wesentlich von künstlerischen, also ästhetischen "Aussagen". Auch Literatur oder bildende Kunst setzt sich kritisch mit Wirklichkeit auseinander. Aber hier geht es nicht (oder kaum) und eine logisch-argumentative Debatte, sondern z. B. um das Erzeugen von Betroffenheit oder um Anregungen zum Nachdenken oder um das Wecken von Emotionen. 

    Dazu sind aber auch zwei wichtige Einschränkungen anzubringen:

    Erstens: Das Kriterium der rationalen Argumentierbarkeit gilt vor allem für die abendländische Philosophie. Philosophische Systeme in anderen Kulturen (z. B. in China oder Indien) kennen dieses Kriterium nicht oder nur sehr eingeschränkt. 

    Zweitens: Es gibt auch in der abendländischen Philosophie Denktraditionen, die "anders" funktionieren und keinen Wert auf rationale Diskutierbarkeit legen. Dazu gehört zum Beispiel die philosophische Schulde der Kyniker in der griechischen Antike (Diogenes von Sinope; der mit dem Fass). Ihnen geht es um eine bestimmte Lebensweise und nicht um ein Denkgebäude. Dazu gehören aber auch Philosophen, deren Werk eher literarische Merkmale aufweist. Dazu zählt z. B. der Philosoph Friedrich Nietzsche oder der französische Existenzialist Albert Camus, der seine Philosophie in literarischen Werken entwickelt und  Geschichten und Figuren der griechischen Mythologie neu durchdenkt und interpretiert ("Der Mythos von Sysiphos", "Der Fremde", "Die Pest")


  • Die Philosophie akzeptiert die Gesetze der Logik (z. B. Satz vom Widerspruch; Satz vom ausgeschlossenen Dritten; deduktive und induktive logische Schlüsse, ...). Das ist die Voraussetzung dafür, dass man über ihre Theorien rational diskutieren und streiten kann. 

  • Die Philosophie akzeptiert fundamentale (natur)wissenschaftliche Gesetze, Prinzipien, Theorien, Erkenntnisse. Aber sie darf über diese hinausdenken. Und sie darf sie im Hinblick auf Grundannahmen und mögliche Folgen durchdenken. 

"Weisheit" statt "Leben", "Erde", "Körper", "Gesellschaft".... --> Die Frage nach dem Gegenstandsbereich (WAS)

Bertrand Russell, brit. Mathematiker, Logiker, Philosoph (Quelle: Osborne)
Bertrand Russell, brit. Mathematiker, Logiker, Philosoph (Quelle: Osborne)

Wissenschaften sind thematisch begrenzt. Die Biologie versteht sich als "Lehre von den Lebewesen", die Psychologie als "Lehre vom menschlichen Erleben und Verhalten", die Geologie als "Lehre von der Erde", die die Theologie als "Lehre vom Göttlichen", ..

 

Im Unterschied dazu ist die Philosophie im Hinblick auf den Gegenstandsbereich, also thematisch, nicht wirklich definiert. Anders formuliert: Philosophie ist thematisch unbegrenzt. Alles kann prinzipiell zum Gegenstand philosophischer Betrachtung werden. Philosophie lässt sich über Gegenstandsbereich daher auch gar nicht definieren. Entscheidend ist allein die Art der Betrachtung, also der Blickwinkel, die Perspektive, die Methode. 

 

Aber gerade wenn "alles" philosophisch reflektiert oder diskutiert werden kann, ist es wichtig, eine gewisse Struktur und Ordnung in dieses "ALLES" zu bringen. Das heißt, wir sollten uns zumindest nach den grundlegenden großen Themenbereichen der Philosophie fragen.

 

Das geht immer noch am besten mit den vier Grundfragen, die der Philosoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert formuliert hat: 

 

1. Was kann ich wissen?

 

-->  Ontologie, Metaphysik ("Was ist ..."?);

--> Erkenntnistheorie ("Wieviel kann ich wissen?" = Frage nach der Grenze des Wissens) , "Auf welchem Weg finde ich Wissen?" = Frage nach der Methode; Was ist Wahrheit? 

--> Wissenschaftstheorie: Was ist eine Wissenschaft? Welche Kriterien muss eine Disziplin erfüllen, wenn sie eine Wissenschaft sein will? Welche unterschiedlichen Formen von Wissenschaft gibt es? Welche Minimalkriterien muss eine wissenschaftliche Theorie erfüllen? Sind Wissenschaften mehr als Glaubenssysteme? Oder ist Wissenschaft (wie z. B. Paul Feyerabend behauptet) im Kern einfach auch nur ein Glaubenssystem neben vielen anderen? 

--> Sprachphilosophie: Wie beeinflusst Sprache unser Vorstellung von Wirklichkeit und Welt? Welche Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit gibt es? Ist Sprache eine "Abbild" von Wirklichkeit (Abbild-Theorie)? Oder ist Sprache etwas prinzipiell anderes? (z. B. Analytische Philosophie des Wiener Kreises, Ludwig Wittgenstein)

 

2. Was ist der Mensch? 

 

--> ontologische  Anthropologie : Frage nach dem WESEN des Menschen (Was macht den Menschen zum Menschen? Was unterscheidet den Menschen prinzipiell von seinen "Verwandten"? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Steht der Mensch über anderen Lebenwesen? Oder ist die Vorstellung, nur der Mensch verfüge über Würde // der Mensch sei "einzigartig" eine Art Rassismus / Speziezismus?

 

--> ethische Anthropologie: Frage nach dem Rechten, die Menschen aufgrund ihres MenschSeins haben (Naturrechts-Theorien; Menschenrechte)

 

--> soziale Anthropologie: Frage nach dem Menschen als Kulturwesen und Frage nach kulturellen Phänomenen und ihrer Funktion / ihrem Wesen (z. B. Mann und Frau in der Gesellschaft; Wesen von Kultur / Kunst / ...)

 

--> existentielle Anthropologie: Frage nach dem Menschen als Sinn suchendem Wesen -->  Religionsphilosophie (Gibt es Gott? Brauchen Menschen Gott? ....)

 

3. Was soll ich tun?

 

--> Frage nach der Ethik

--> Frage nach den Werten und nach der inhaltlichen Definition von Werten (Freiheit, Gleichheit, Würde, Gerechtikgkeit, ....)

--> Frage nach der prinzipiellen Begründbarkeit von Werten

--> Frage nach den Prinzipien, an denen wir uns in unserem Handeln orientieren können

 

4. Was darf ich hoffen? 

 

--> Frage nach dem gelingenden / sinnvollen Leben

--> Frage  nach dem Transzendenten

--> Frage nach dem Glück und nach der Bedeutung des Glücks (Ist es wichtig, dass Menschen ein glückliches Leben haben können? Soll Glück das Ziel politischen Handelns sein?) 

--> Frage nach dem Sinn (Was kann Sinn bedeuten? Wo finden Menschen Sinn?)

 


Aufgaben

A1: "Philosophie ist Liebe zur Weisheit". Erkläre diese Definition. Erkläre, welche zentralen Merkmale Philosophie im Hinblick auf Methode (WIE) und Gegenstandsbereich (WAS) aufweist. Erkläre, wie Philosophie sich in dieser Hinsicht von den Erfahrungswissenschaften unterscheidet. 

 

A2: Philosophie lässt sich - ausgehend von den berühmten Kantschen Fragen - in unterschiedliche Disziplinen unterteilen. Ordne die Fragen / Aussagen im Arbeitsblatt A2 diesen Grundfragen zu. Diskutiere für zwei dieser Fragen / Aussagen, ob und inwiefern sie für das praktische Leben relevant sind. 

 

A3: Der Philosoph Bertrand Russel sagt, Philosophie sei "das Niemandsland zwischen Wissenschaft und Theologie", das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt sei. Welche Vorwürfe könnten von der Seite der Wissenschaft gegenüber der Philosophie gemacht werden? Welche Vorwürfe könnten von Seiten der Theologie / Religion gegenüber der Philosophie gemacht werden? Wie könnte die Philosophie sich jeweils gegen diese Vorwürfe verteidigen? Formuliere dazu jeweils ein paar Überlegungen / Thesen. 

A4: Manche Menschen behaupten, dass der Mensch ein Lebewesen sei, das von Natur aus die Fähigkeit und das Bedürfnis zu philosophieren habe. Stimmst du dieser These zu? Was befähigt den Menschen (im Unterschied zum Tier?) zu philosophieren? In welchen Lebenssituationen philosophieren Menschen? Was unterscheidet einen philosophierenden Menschen von einem nicht-philosophierenden Menschen? Was unterschiedet vermutlich Profi-PhilosophInnen (von Aristoteles bis Zloterdijk) von philosophischen Laien oder AlltagsphilosophInnen? 

A5: Du bis bereits in den ersten Philosophie-Stunden mit vielen philosophischen Namen konfrontiert worden. Suche zu einem dieser Namen mithilfe von Internet-Recherchen die dazugehörende Person samt der dazugehörenden Philosophie. Gestalte einen kurzen Steckbrief (z. B. in Form eines Mindmaps) mit biographischen Daten, zentralen philosophischen Fragen / Thesen / Theorien und mindestens einem Schlüsselsatz. 
Download
A2: Philosophische Aussagen zuordnen und kommentieren.
01_Philosophische Aussagen und Fragen zu
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weiterführende Literatur und Internet-Links